Wem die Uhr schlägt!

Wem die Uhr schlägt…Mein Ausritt in die Technisierung und Digitalisierung unserer Welt. Tick Tack!  

Das 20. Jahrhundert

Oh, Sie erinnern sich noch? Gestern genossen wir die Vorzüge der Industrialisierung des 20. Jahrhunderts. Eine Technisierung, die angeschoben durch Dampfmaschinen und weiteren Ingenieurskünsten europäischer und außereuropäischer Forscher und Denker uns Verbrauchern Gegenstände des täglichen Lebens zu erschwinglichen Preisen schenkte. Ermöglicht durch Massenproduktion tausender fleißiger Hände in Fließband- und Akkordarbeit. Autos, Fernseher, Stereoanlagen, elektrische Küchengeräte, Waschmaschinen, funktionale Möbel. Die ersten tragfähigen Fernseher, der tragbare CD-Player…die 42 Stunden-Woche wurde auf 35 Stunden reduziert. Faith Popcorn und Zukunftsforscher Opaschewski beschrieben Ender der 80er dramatische Veränderungen in unserem Beziehungskisten-Verhalten und Freizeitgehabe. Cocooning war eines von vielen magischen Worten.

Meine Uhr?  Uhren waren für mich nie wichtig. Meist lagen sie seelisch verarmt in irgendwelchen bunten Schachteln. Uhren aus Einschulungs- und Konfirmationszeiten. Aber dann ging ein Stern am Uhrenhimmel auf. Die Swatch. Mit farbenfrohen und austauschbaren Designs. Plötzlich besaß ich eine. Nicht weil ich eine Uhr brauchte. Bisher gab es in meinem kleinen Consumer-Leben nur eine Uhr – den Wecker für meine morgenmuffeligen Avancen. Und den hasste ich. Aber mein Verbraucherverhalten änderte sich schlagartig. Ich begann, Uhren mit anderen Augen zu sehen. Als Accessoires und Schmuckstücke. Mein hübsches Handgelenk gewöhnte sich schnell an die straffe Umzingelung durch Stretcharmbänder.

Zwischenbilanz – Wandel in den 90er Jahren!

Das Zeitalter der Digitalisierung zog bei uns ein. Damals noch Web 1.0. Mein erstes Handy war ein ellenbogenlanger Siemensknochen mit 7 Stunden Standby – und schwer. Zu schwer und zu groß für Frau mit gemäßigter Handtasche…ein Unding. Doch im Zuge weiterer Forschungen und Entwicklungen überboten sich Programmierer, Entwickler, Ingenieure und auch sonst alle, die irgendwie was mit IT zu tun hatten. Und schon sehr schnell ergatterten wir bequeme und hosentaschenformatige Produkte, Spiele wurden browserfähig….und plötzlich standen die Menschen, wie Jahre vorher in Kriegszeiten mit Lebensmittelmarken für Brot, nun für Entertainment und Infotainment an. Übernachteten in Zelten vor Aufsehend erregende „Stores“. Postkarten und Briefe waren out, Mails, SMS und MSM waren der Hit. Ein neues Spekulanten-Marktsegment versprach Reichtum, doch die Dotcom-Blase platzte. Aus der Traum für viele Kleinanleger.

Meine Uhr?  Bis Ende der 90er zierten mein Handgelenk immer noch austauschbare Armbanduhren. Nicht jeden Tag und je nach Laune mit Comicfiguren oder musterlos in trendigen Farben versehen. Uhren waren für mich immer noch Schmuck. Der Geschmack änderte sich im Laufe der Zeit. Aber Schmuck ist für mich Schmuck! Ohne viel Schnickschnack an Technik. Wer will denn sooooo was?

Das neue Jahrtausend

Was für ein Wandel. Wir leben im 21. Jahrhundert. Im Heute. Web 2.0, oder soll ich sagen: Web 3.0, nein 4.0? Fest im Griff von Algorithmen durchleuchten uns Datenkraken und Marktmächte wie google, FB, Instagram und Co. Der Wissendurst der Werbetreibenden ist immens. Für unsere Freigiebigkeit an Daten und sonstigen Interessen spendieren sie uns digitale Spielplätze, die wir gerne füllen. Es reichen likes und dislikes, um riesige Freundesbanden sein eigen zu nennen. Wir sind glücklich, wenn wir unsere follower steigern können, denn dann sind wir wer! Wir zeigen uns netzfreundlich, ungeniert und unprätentiös. Wir echauffieren uns öffentlich, wir demaskieren, debattieren oder trollen einfach durch die Netzgemeinde und die Alles-was-Du-Willst-Foren. Wissende, Besserwissende, Forschende, Hungrige oder Wissensdurstige, niemand kommt zu kurz.

Yeah! Wir arbeiten wieder mehr! Die 36 Stunden-Woche ist ein Relikt aus alten Zeiten und findet sich höchstens noch in der Metall- oder Autoindustrie. Verzeihen Sie, wenn ich eine Branche vergessen habe. Work-Life-Balance? Arbeitsleben vermischt sich unaufhörlich mit Privatleben. Ein neuer Trend in unserer Verhaltenspsychologie soll diese Entwicklung humaner gestalten. Ich nenne es Entschleunigung, doch die USA sind uns alten Europäern auch hier wieder einen Schritt voraus. Digital Detox! Wird in Camps veranstaltet, kostenpflichtig natürlich. Jetzt habe ich wirklich ein großes Fragezeichen im Gesicht. http://blogs.wsj.de/wsj-tech/2014/07/27/das-netz-erklart-was-ist-digital-detox/

Ich soll dafür blechen, damit ich meine Ruhe habe? Leute, ich gehe in meinen Garten, lade meine Freunde ein, ziehe alle Stecker für elektrifizierte Kommunikations-Highlights, stelle den Grill an und zapf mir ein frisches Kölsch. Was für ein herrliches Leben….

Meine Uhr?  Und schon wieder geht ein neuer Stern am Uhren-Himmel auf! Es ist soweit. Abseits von Digital Detox und anderen prickelnden Geschichten erobert uns im Sturm eine neue Generation von wearables. Die Apple-Watch. Endlich ist sie da. Lange Lieferzeiten bei Bestellung. Werbetechnisch kommt mir das irgendwie bekannt vor. Mache ein Produkt knapp, das steigert die Begehrlichkeit! Oder anders herum: Apple wartet mit einer Menge unterschiedlicher Designs und Preiskategorien auf. Also lieber, wie bei hochpreisigen Luxusgütern üblich, in kleinen Mengen produzieren? Dezimierung der Verluste bei schwerem Blei in den Regalen. Kluge Entscheidung.

Und. Es ist nicht das erste wearable für Handgelenke, andere Marken sind schon ein paar Generationen weiter. Was wird uns eigentlich beschert? Eine smartwatch, die meine Termine managt, mir meinen Puls und meine Herzfrequenz mitteilt, mit der ich vernetzt unkompliziert kommunizieren darf und die ich mit vielen trickreichen apps beladen kann. Ach ja, eine Uhr ist es auch!

Ich will sie nicht. Ich habe eine Uhr. Eine wunderschöne. Mein Geschmack hat sich geändert. Stilvoller, teurer, charmant und weiblich im Design. Was brauche ich eine Uhr, die mir sagt, dass ich heute zu wenige Treppen gestiegen bin? Die mir mein Candle Light Dinner versaut, weil ich ausgerechnet an dem Tag meinen Grundumsatz schon erreicht habe? Die mir ins Ohr den nächsten Termin flüstert und anmahnt, obwohl ich den am liebsten vergessen würde? Ausreden sind als stolzer Besitzer einer Apple Watch nicht mehr drin. Und unser Adrenalin-Haushalt benötigt zukünftig noch mehr Digital Detox Tage – oder Beta-Blocker? Und ehrlich – ohne Lesebrille geht da nix!

Ich bin gespannt, ob Apple Watch genügend Durchsetzungskraft mit sich bringt. Alles schreit nach demografischem Wandel. Demnach müsste die angepeilte Zielgruppe immer kleiner werden?

 

 

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