Trends und ihre Generationen – oder Generationen und ihre Trends? Teil III

Wie versprochen, bin ich mit meiner Litanei über uns Baby Boomer noch lange nicht am Ende. Und da gibt reichlich Stoff. Und ich frage: Rockten wir die Welt?

Hat sich das Altersbild 50plus in der Gesellschaft verändert?

Ich glaube nicht, dass sich Einstellungen gegenüber 50plus signifikant geändert haben. Auch wir haben damals unsere „Alten“ argwöhnisch betrachtet oder belächelt und uns jegliche Einmischung in Entscheidungen und Vorlieben verbeten. Mit Protest, mit Wiederstand und Trotz. Unsere Großeltern erlebten den zweiten Weltkrieg, unsere Eltern die Wirtschaftswunderjahre und ja, wir? Wir Baby Boomer stellten die Gesellschaftsordnung fast brachial auf den Kopf! Ich kann Euch nichts über die 50er, aber meine Eindrücke der 60er Jahre beschreiben…

Sexuelle Revolution oder die Antibaby-Pille! Make Love – not WAR!

In den 60er Jahren gelang der Pharmaindustrie mit der Antibaby-Pille der Riesenwurf schlechthin und schon war die angebliche sexuelle Befreiung der Frau Stammtischthema bei den Herren der Zeit. „Unser Körper gehört uns“, das muss die Männerherzen ganz schön gequält haben. Jedenfalls die Herzen der traditionellen und konservativ eingestellten Herren. Denn nun konnten auch wir uns austoben und die „Hörner abstoßen“ – ohne Reue, ungewollten Schwangerschaften und Zwangshochzeiten. (Merke! auch bei den Deutschen gab es unfreiwillige Ehen und Kopftücher finden sich heute noch in Schwarzwälder Tälern und anderswo) Und dann waren unsere Mütter und Baby Boomer Girls auch noch so dreist und forderten einige Jahre später die Abschaffung des § 218, der Gefängnisstrafen für Abtreibungen vorsieht. Heute ist die Pille oder die Pille danach in Männerrunden kein Thema mehr. Ich glaube, die „Mann“-schafft fragt gar nicht mehr, ob wir verhüten? Sie setzen es als selbstverständlich voraus. Den § 218 gibt es übrigens immer noch!

Ach ja, begleitet wurden wir damals noch von „Make War – not Peace“ einer Hymne, die aus den USA zu uns herüber schwappte und uns LSD und Haschisch in die Schulranzen beförderte. Woodstock war der Höhepunkt der Hippie-Bewegung, die danach allmählich abflachte.

2015: Aids hat Generationen umklammert! Ich kann nicht einschätzen, ob die Jugend sorglos oder präventiv mit dem Thema umgeht. Vielleicht recherchiere ich in Google über die heute typischen Verhaltensmuster… 

Und unsere Drogen? LSD ist glaube ich, sowas von out, aber die neuen synthetischen Drogen ruinieren Geist und Körper ebenfalls innerhalb kürzester Zeit. Wusstet Ihr, dass in den USA LSD in den 60er Jahren nicht verboten war? Dabei ist es neben dem heutigen Teufelszeug meines Erachtens immer noch eine der gefährlichsten Droge. Ich glaube, ich bleibe weiterhin beim frisch „gezappten“ Kölsch….

Emanzipation und die Freiheit, sich der Küche zu versagen…

Seit 1976 dürfen wir ohne Zustimmung von Erziehungsberechtigten oder Ehemann Arbeitsverträge schießen. Emanzipationstreiberin war unter anderem Alice Schwarzer, die seit den 70er Jahren sich vehement für Frauenrechte und andere Rechte engagiert. Ob sie ein Frauenbild prägte, in das viele von uns passen wollten? Ich weiß es nicht, ich habe mich nie damit beschäftigt, weil mir meine Eltern als Teenie in den 70er anstandslos und unängstlich Freiheiten ermöglichten, die für die heutigen Kids selbstverständlich sind. Erste Partys, Minirock und Häkelbikinis, Lockerung der Nachhausekommuhrzeit, eigene Meinung, freie Auswahl meiner Hobbys, freie Berufswahl. Ich meine: Emanzipation ja, Verlust von Weiblichkeit nein! Und ich glaube, da spreche ich für viele. Vielleicht hallt mir jetzt ein Aufschrei aus der Netzgemeinde und von Aktivistinnen entgegen…ohne deren Kampf würden wir Frauen immer noch unter der Fuchtel von etwas leben….aber mich hat das damals wirklich nicht berührt.

2015? 45 Jahre später? Bis heute hat der Kampf um Gleichberechtigung kein Ende gefunden. Die ständig wieder aufflammenden Diskussionen spiegeln sich nun in Forderungen nach Frauenquoten in Börsennotierten und nicht börslich notierten Unternehmen und nach der Lohngleichheit wider.

Dass solche Forderungen immer noch Thema sind, ist doch peinlich für eine angeblich so fortschrittliche Gesellschaft. Oder?

Demonstrationsbereitschaft – Gestern und Heute!

Das Demonstrationsrecht ist eines der Grundrechte, das wir bis aufs Blut verteidigten und auch weidlich nutzten. Ob das nun der Politik und unseren Eltern gefiel oder nicht. Ich glaube, die Politik dachte zu Beginn der 80er Jahre, dass nach Hippie, Kommune 1 und RAF nun bei der Jugend endlich Ruhe einkehrt. Aber mit dieser Einschätzung lagen sie hübsch daneben…Atomkraft, Aufrüstung, Umweltverschmutzung!

Als die NATO Anfang der 80er Jahre ihre Aufrüstungspläne bekannt gab, sind wir für den Frieden auf die Straße gegangen und in Deutschland bildeten sich kilometerlange Menschenlichterketten. Wir interessierten uns für unsere Umwelt und lieferten uns monatelange Gefechte gegen Staatsbedienstete in Wackersdorf, Gorleben, Brockdorf oder Kalkar und bauten Hüttendörfer auf der geplanten Startbahn West Frankfurt. Mit Sitzblockaden und anderen LeibundSeeleTaten kämpften wir damals schon für eine umweltfreundliche Zukunft und für die unserer Kinder. Und wir waren neugierig und offen für alternative Lebensformen und Lebensgefühle. Wir fanden uns in Kommunen und Wohngemeinschaften wieder, in Berlin und Frankfurt glänzten Hausbesetzer und weitere autonome Szenen. Nach der RAF war die Politik wie elektrisiert, aber Terrorismus war nicht unser Denken. Wir wollten verändern! Relikte aus dieser Zeit, die ich kenne, sind heute noch die „Flora“ und „Hafenstrasse“ in Hamburg oder „Langendreer“ in Bochum.

Entweder waren wir „angepasst“ oder wir gingen auf die Straße. Nur gab es damals noch kein Internet. Was hätte damals, in der analogen Zeit, mit den heutigen Multiplikatoren und digitalen Kanälen los getreten werden können?

2015 In den vergangenen Jahren haben sich vielleicht die Frisuren und das Outfit geändert, aber nicht die Bereitschaft zur Demonstration. Ich vermutete Ende der 90er Jahre bis in die 2000er hinein, dass sich die Jugendlichen nicht mehr für Politik interessieren. Aber die Occupy-Bewegung, die Tiefen von Anonymus und die Aktionen von Globalisierungsgegnern und Umweltschützern (Greenpace) sowie die Plattformen netzfrauen.org, Campact oder Attac etc. sprechen eine andere Sprache! Und wenn ich Revue passiere, kann ich den verantwortlichen Politikern für ihr Handeln in vielen Belangen nur ein Armutszeugnis ausstellen. Unsere Welt wird von Umweltkatastrophen, schmelzenden Gletschern und der Finanzindustrie beherrscht. Und das aktuellste umweltfeindliche Beispiel ist VW! Und ich wäre eine Närrin, wenn ich glauben würde, dass andere Autobauer „ehrlich“ sind…

Ja, ich glaube, wir „rockten“ die Welt! Und tun es heute noch. Nur anders? Oder wie seht Ihr das? Gehen wir „Alten“ noch auf die Straße? Wie verschafft Ihr Euch heute Gehör? 

Ein Hinweis: Ich habe Karten für ein edm-Festival erstanden!!! 🙂

Share Button

Schreibe einen Kommentar