Wird Zahnreinigung Big Data in Ekstase bringen…?

Es ist soweit. Digitalisiertes intelligentes Zähneputzen erobert unsere Badezimmer!

„Oral B fortschrittlichste Zahnbürste – sie beseitigt nicht nur Plaque, sondern auch Ihre Zweifel“ …und so weiter…“Die neue Oral-B-Zahnbürste – mit bluetooth Verbindung für direktes feedback!“ (O-Ton siehe *1)

Wow. Der seit diesem Frühjahr ausgestrahlte Werbespot verbindet fast alle Attribute, die einen aufgeschlossenen Zahn – äh – Verbraucher interessieren sollten. Umfassende und allgründliche Gesundheitsvorsorge, ein blendend weißes Lächeln, das gute Aussehen in einer überstrahlenden Symbiose mit kommunizierendem und intimen Putzgefährten. Attraktiver junger Mann steht vor dem überdimensionalen Touchscreen in seiner Wellnessoase, fährt mit einer Hand über dieselbe und freut sich über sein neues Zahnputzwohlfühlprogramm…

Zahhbürste

Unsere Produkte werden – fast im Stundentakt – intelligenter und sind nur dazu geschaffen worden, die uns täglich auferlegten und mühevollen Aufgaben leichter zu bewältigen. Ein Riesenfortschritt, keine Frage. Wer von uns hätte noch vor 20 Jahren gedacht, dass die Digitalisierung nicht nur unsere Arbeitsabläufe sicherer und effizienter gestaltet, sondern auch die bisher scheinbar banalen Dinge des Lebens so überaus freundlich beeinflussen kann? Und der moderne Mensch, der etwas auf sich hält, wird nicht besseres zu tun haben, als morgen schon den Kaufvorgang in Angriff zu nehmen. Natürlich über das Web.

Überwiegen meine Wohlfühlgedanken?

Die Vorteile für mich persönlich scheinen immens. Ohne das Feedback meiner Zahnbürste kann ich mir gar nicht sicher sein, ob ich meiner Plaque tatsächlich bis auf das letzte Nano-Partikel den Garaus gemacht habe. Ohne den kommunizierenden Putzteufel wüsste ich nicht, ob meine Zähne doch noch ein Stück weißer und blinkender geschrubbt werden könnten oder mir die notwendige Sensibilität  beim Putzvorgang fehlt. Nützlich denke ich!

Ich möchte die elektrische Zahnbürste überhaupt nicht verteufeln. Bin selber stolze Besitzerin einer solchen, allerdings ohne Bluetooth. Die aktuell beworbene Zahnputzgefährtin vereinfacht spielerisch die Selbstkontrolle. Sie gibt das beruhigende Gefühl, richtig und präventiv zu handeln. Jederzeit kann ich mein Putzergebnis verbessern. Was wir morgens und zu anderen Tageszeiten noch so dahin geschludert bzw. hingeputzt haben, könnte der Vergangenheit angehören. Es spricht nichts dagegen, wenn wir uns helfen, wenn wir unsere Pflege verbessern. Doch in der letzten Zeit schrecken mich die häufigen Meldungen über die brutale Sammelwut auf. Meine Daten gehen anscheinend alle etwas an. Dass Werbetreibende mit meinen Daten arbeiten, ist nicht neu. Als Marketingfrau sehe ich die Marktforschung nicht nur zur Positionierung meiner Dienstleistung oder meines Produktes am Markt als ein unerlässliches und segensreiches Instrument.

Wir sind so frei!

Welche Folgen könnte der Einsatz dieser neuen Bluetooth-„Petz“-Assistentin mit sich bringen? Bei der Anmeldung mit Bluetooth wandert mein Putzverhalten ins Web bzw. in eine Cloud? Wer weiß es? Hacker freut Euch!

Und womöglich kann ich die Daten direkt an meine mir wohlwollende Zahnärztin übermitteln. Ups. Empfinde ich jetzt Stress bei dem Gedanken? Bei meinem nächsten Termin steht sie vielleicht mit dem erhobenen Zeigefinger vor mir, weil ich in der letzten Zeit drei Mal das allabendliche Putzen nach einer langen Nacht versäumt habe?

Als nächstes fragt meine Krankenkasse die Daten ab? Ade, Du mein liebes Bonusheft. Vorbei mit dem Papier, das über all die Jahre so geduldig mit mir war. Wird die Krankenversicherung die Zuzahlung von kommenden Maßnahmen demnächst von den mir übermittelten Daten abhängig machen? Oder profitiert sogar mein Arbeitgeber von diesen Daten? „Tja, meine Liebe, Du hast in der letzten Zeit Deine Zähne nicht mit der notwendigen Sorgfalt behandelt. Und weil Du durch die Behandlung einen Tag durch den gelben Schein ausfällst, zahle ich Dir für den Ausfalltag kein Gehalt!“

Die Gesundheitsapostel unter uns werden sagen: Das bist Du doch selber schuld.

Generation Y und andere werden sagen: Wir haben doch nichts zu verbergen!

Die Intelligenzbestien für das Bad kommen…

Was beinhalten die nächsten Überraschungseier, die unsere heimischen Bäder zukünftig bereichern sollen? Intelligente Toiletten? Gibt es bald. Die Japaner sind uns Europäern in diesen Dingen weit voraus. Lesen Sie selbst: http://www.zeit.de/2015/15/toiletten-toto-intelligente-junichi-tani-japan/seite-2

Die Entwicklung läuft auf Hochtouren. Stellen Sie sich vor, wie überaus informativ die Urinanalyse nicht nur für mich, sondern auch für die Datensammler ist. Zuckerwerte im Urin sollen Auskunft über meinen gesundheitlichen Zustand geben. Toll denken Sie. Eine überaus geniale Vorsorgemaßnahme.

Ich werde sarkastisch: Ich behaupte, dass diese Werte zukünftig den Krankenkassen übermittelt werden. Risikozuschläge winken, wenn Sie bei dem nächsten Reförmchen die Krankenkasse wechseln möchten und Ihre Werte nicht ganz dem Optimum entsprechen. Oder für Sie erhöht sich so oder so der Tarif. Für Sie und nicht für den Arbeitgeber! Vielleicht erhalten Sie die Nachricht: Bitte schicken Sie uns erst ihren Gesundheitsscheck vom gestrigen Toilettengang. Wir sprechen heute bei den Krankenversicherten vom Zwei-Klassen-System – was meinen Sie, gibt es noch eine Steigerung?

Hm, oder die Cloud wird gehackt und Sie dürfen Ihre Ergebnisse schneller als Ihnen lieb ist in den sozialen Netzwerken wiederfinden. Die Community freut sich schon!

Lesen Sie den Beipackzettel. Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker nach Nebenwirkungen. Oder Big Data?

Wollen Sie das wirklich? Wir werden zum gläsernen und manipulierbaren Verbraucher. Wir sind auf dem besten Weg, das Ziel ist schon vor Augen! Mit allen Vor- und Nachteilen. Verfügen wir tatsächlich über die notwendige Medienkompetenz, die uns nicht nur die Bedienung der digitalen wearabels und anderen Spielereien verstehen lässt, sondern die uns auch mögliche Risiken und Nebenwirkungen von Big Data und Data Mining begreifbar macht?

Es bleibt nicht bei der Zahnpflege. Die Autoversicherungen erobern mit attraktiven Tarifen bei App-Nutzung, die das Fahrverhalten aufzeichnet, den Markt. Nie mehr mal eben kurz das Gaspedal durchtreten und das Gefühl von Freiheit erleben…Bleiben Sie immer in der Spur…

Ist wirklich allen bewusst, dass unsere Bewegungsprofile den gierigen Datenkraken so detailliert Auskunft über unsere Aktivitäten geben und (fast) perfekte Ausblicke in unsere Vorlieben, Einstellungen, seelische Abgründe etc. vermitteln? https://netzpolitik.org/2014/metadaten-wie-dein-unschuldiges-smartphone-fast-dein-ganzes-leben-an-den-geheimdienst-uebermittelt/

Die nächsten Schritte? Werden Kreditgeber, Leasinganbieter, Vermieter und andere Dienstleister ihre Gunst für mich davon abhängig machen, ob ich mich normgerecht verhalte und meine Verhaltensmuster nicht ständigen Schwankungen unterworfen sind? Bleiben meine Hobbys für Versicherungen kalkulierbar? Entspricht meine Ernährung der aktuellen Lebensmittelpyramide und die KV erwartet eine positive Prognose meiner Blutfettwerte? Im schlimmsten Fall heißt es vielleicht: „Oh, Dein Blutdruck ist zu hoch, da erheben wir einen Risikozuschlag!“

Steigert das meinen Fun-Faktor? Ist das der Preis für unsere Bequemlichkeit und unseren Fortschritt? Mein Privatleben würde komplett auseinandergerupft und bewertet werden. Werden in wenigen Jahren nur noch Wohlverhaltenspunkte unser Leben beeinflussen? Bei der Wohnungssuche, Arbeitsuche, Einkäufen im Netz, Partnersuche….auf alles?

Gratulation, Sie haben 90 von 100 Punkten erreicht. Von heute ab kommen Sie in den erlauchten Kreis derer, die von bedeutenden Arbeitsangeboten mit besserer Vergütung profitieren….

 

*1 https://www.youtube.com/watch?v=eIHwmGBdVfM

 

 

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